In den vergangenen Monaten haben wir bei der Datenschule gemeinsam mit unserem Partner BildungsCent e.V. intensiv an Schuldaten gearbeitet. Mit Silke Ramelow, Vorstandsvorsitzende von BildungsCent, ließen wir die Zeit Revue passieren und sprachen in einem Interview über die Chancen der Digitalisierung für gemeinnützige Organisationen, die Zusammenarbeit an den Daten und unser gemeinsames Projekt JedeSchule.de.

I Digitalisierung für NGOs

Datenschule: Digitalisierung verändert die Welt der gemeinnützigen Organisationen. Was bedeutet bedeutet Digitalisierung für euch? Was verändert sich für euch?

Silke Ramelow: Ohne die Digitalisierung gäbe es uns wahrscheinlich nicht. Die Digitalisierung ist sehr wichtig für uns, weil die Distribution und Wirkung, die wir haben, wesentlich mit der Digitalisierung und der Arbeit mit elektronischen Medien zusammenhängt. Insofern ist es eine Grundvoraussetzung für uns, um unsere Zielgruppen zu erreichen.

Wie können sich NGOs besser auf die Herausforderungen der Digitalisierung vorbereiten?

Da gibt es zwei unterschiedliche Perspektiven: Zum einen die Nutzung von Kommunikations- und Distributionskanälen und zum anderen der Chancen- und Risikoabgleich dessen. Ich glaube, da sind NGOs in gar keiner anderen Situation als Unternehmen oder Verwaltungen, die mit digitalen Medien arbeiten. Die Fragen sind immer die gleichen: Schützen wir ausreichend die Persönlichkeitsrechte? Sind wir fair und transparent in der Nutzung der Daten? Wissen wir genug über die Herkunft der Daten? Ich denke nicht, dass das Problem NGO-spezifisch ist, sondern eher gesellschaftsspezifisch. Es ist dennoch eine große Chance für NGOs, auf dem Feld der Digitalisierung besser zu sein als die anderen, um an Relevanz zu gewinnen. Plattformen wie OpenPetition oder Campact verdeutlichen ganz gut, wie Dinge möglich sind, die ohne Digitalisierung nicht hätten stattfinden können. Sie machen das sogar so gut, dass andere Systeme damit ein Stück weit unter Druck gesetzt werden. Das ist eine riesige Chance.

Welche Kompetenzen werden zukünftig für NGOs wichtig sein?

Ich glaube, wesentlich ist nach wie vor der Aufbau des klassischen digitalen Know-How. Und das hat viel mit Kommunikation zu tun, das heißt mit Überlegungen wie: Was will ich sagen? Was ist meine Botschaft und welche Zielgruppe will ich erreichen? Digitale Kompetenz zur Herstellung von Kooperationen wird mit Sicherheit zunehmend wichtiger für NGOs. Das lässt sich aber nicht formal erwerben, sondern eher in learning-by-doing Prozessen. Es ist wichtig, diese Bereiche ernster zu nehmen und hier aktiv zu werden.

II Die Datennutzung bei Bildungscent

Alle sprechen über Daten, wie nutzt ihr Daten als Organisation im Rahmen eurer Projekte und Aktionen? Wo möchtet ihr Daten noch stärker in Zukunft nutzen?

Da wir eine Organisation sind, die schon immer sehr reichweitenstark war, haben wir auch schon immer viele Daten gehabt. Die versuchen wir natürlich zu nutzen und zu kommunizieren, da das eines unserer Alleinstellungsmerkmale ist. Wir haben mit über 5.000 Schulen zusammengearbeitet und stellen auf Basis dieser Erfahrungen daraus immer wieder Hypothesen auf, die wir wiederum testen und Erkenntnisse ableiten. Eigentlich arbeiten wir stark datengestützt. Wir hätten das aber nie Arbeit mit Daten genannt, sondern eher erfahrungsorientiertes Arbeiten. Letztendlich ist das aber ja nichts anderes als datengestütztes Arbeiten. Wir haben im Bereich der Datenverarbeitung noch wahnsinnig viel Luft nach oben. Die Schwierigkeit besteht darin, eine Systematik zu etablieren, die Daten aufzuräumen und zu bereinigen. Es wäre ein totales Asset, wenn wir mehr in diesem Bereich machen könnten. Ein Zukunftsthema für uns ist auf jeden Fall Datenvisualisierung. Aber da sind wir noch nicht so stark aufgestellt, weil es viele Ressourcen bindet.

Welche Chancen und Herausforderungen seht ihr in der Arbeit mit Daten für euch?

Zunächst ist es eine große Herausforderung für uns, Digitalisierung von Daten zu unterscheiden, weil Digitalisierung ein Wort ist, was alles und nichts beschreibt. Für mich war es deshalb sehr hilfreich zu sagen: Unser Thema ist eigentlich Data Literacy. Dadurch wird vieles konkreter. Ich sehe hier ein hohes Potential, denn häufig versuchen wir Fragen wie “Ist G8 besser als G9?” mit Studien zu belegen, die aber völlig beliebig sind, weil die Grundannahmen oder die methodischen Ansätze sich stark unterscheiden. Folge ist, dass es keine Vergleichbarkeit gibt und Hypothesen nebeneinander stehen, die nichts miteinander zu tun haben. Ich glaube, mit mehr Datenkompetenz könnten wir da ein bisschen aufräumen und eine Basis schaffen, so wie z.B. bei der Website JedeSchule.de. Meine Vision ist, dass da irgendwann alle Daten zu den allgemeinbildenden Schulen in Deutschland zu finden sind, jeder damit arbeitet und so die Kommunikation über Schule verändert wird. Wichtig ist, dass es nicht immer auf die Masse an Daten ankommt, sondern dass die Daten etwas möglichst vollständig abbilden. Herausforderungen sehe ich vor allem bei der Frage des Ownership von Daten. Deswegen finde ich den OKF-Ansatz auch so gut, Daten als öffentliches Gut zu betrachten, auf das alle zugreifen können.

III Kooperation zwischen BildungsCent und Datenschule

Was hat euch dazu bewegt, mit uns zusammenzuarbeiten?

Ich glaube, als wir zusammengefunden haben, hat das einen Missing Link aufgedeckt, von dem wir bis dahin gar nicht wussten, dass wir ihn haben. Und erst in der Begegnung wurde klar: Das passt, das stimmt, das brauchen wir gerade unbedingt! Für mich war das sehr beeindruckend. Plötzlich ergab alles Sinn: Wir haben zwar schon immer viel Wert darauf gelegt, unsere Daten gut aufzubereiten und zu sammeln. Aber jetzt wurde für uns deutlich, warum wir das eigentlich tun. Der basale Umgang mit unseren Daten war auch vorher schon nicht ganz so schlecht, aber wir könnten hier noch viel mehr erreichen.

Was hast du für dich als Vorstand von BildungsCent aus den Workshops mitgenommen?

Wahrscheinlich das, was mein Team auch mitgenommen hat. Diese Sorgfalt in Bezug auf das ganz basale Wissen: Daten sind nicht gleich Daten, Daten müssen gesäubert werden, Daten müssen wir uns vor der Analyse genau ansehen und wir müssen wissen, wo sie herkommen. Diese Sorgfalt auf der einen Seite und auf der anderen Seite das, was ich an eurem Ansatz so gut finde: Ich muss keine Informatikerin sein, um das machen zu können! Das war für uns alle eine großartige Erfahrung.

Ein Projekt auf Datengrundlage aufzubauen war anfangs ein neues Feld für euch. Manchmal definiert man einen Lösungsweg und dann muss man doch umdenken, weil die Daten nicht alle Fragen beantworten können. Welche Ansätze waren neu für euch und warum?

Es war tatsächlich gar nicht so viel neu. Von unserer Arbeitsweise her arbeiten wir ziemlich ähnlich. Zum Beispiel halten wir nicht an Sachen fest, die nicht funktionieren. Wir hören auf und machen es eben anders. Am interessantesten war für mich die Situation, als wir mit unserem Thema begonnen haben. Mein Bild war es, Schulen mit Hilfe von Daten neu zu beschreiben. Schule nicht nur auf den Unterricht, den Unterrichtsausfall oder Noten zu reduzieren, sondern erkennbar zu machen, welche wichtige gesellschaftliche Funktion sie besitzen. Ihr habt euch also dran gesetzt und im Netz nach Daten und Informationen über Schulen gesucht und diese Daten aufbereitet. Als ihr präsentiert habt, wie ihr die Schuldaten und -informationen kategorisiert habt, war ich im ersten Moment schockiert. Denn wieder zeigte sich das “alte” Bild von Schule. Natürlich war das logisch, denn das, was an Daten zugänglich ist das, was der überwiegende Teil der Menschen unter Schule versteht und wie er sie sieht. Daten mögen zwar neutral sein, aber sie transportieren auch immer ihren Referenzrahmen, denn ansonsten machen sie keinen Sinn. Das fand ich sehr interessant und ich hatte nicht damit gerechnet. Aber für mich war der Gedanke prägend: Mit Daten habe ich eine Chance, das Bild zu verändern! Aber ich muss auch einen neuen Referenzrahmen anbieten können. Diesen Aspekt finde ich wirklich wichtig, weil ich glaube, dass so eine Situation total häufig passiert.

Bei JedeSchule.de haben wir uns intensiv mit Schuldaten beschäftigt, was findest du an den Daten besonders interessant?

Besonders interessant ist eigentlich, dass es wenig Schuldaten gibt und die Daten, die es gibt, völlig zufällig sind, bis auf die Geodaten natürlich. Das ist wirklich besonders bedeutsam! Offenbar ist es ein Bereich, in dem sich noch nie jemand wirklich hingesetzt und sich gefragt hat: Wie kann ich Schule datenmäßig abbilden? Und was sind eigentlich die relevanten Daten? Alle wissen: Schulnoten sind es nicht, aber trotzdem geht es immer nur darum. Die Datenlage ist momentan völlig skandalös, deswegen müssen wir da auch dran bleiben, denn bisher haben nur wir diese eine vollständig eingeschränkte Perspektive.

Was hat dich am meisten motiviert, über vier Monate an JedeSchule.de zu arbeiten?

Das lag vor allem an der Energie, die aus der Zusammenarbeit frei wurde - ich war selbst überrascht davon, wie gut das gepasst hat. Toll war für uns auch eure positive Resonanz auf unsere Arbeit. Die Zusammenarbeit war insgesamt sehr vertrauensvoll und ich glaube, das ist vor allem für den Anfang eines solchen Projekts elementar, denn normalerweise ist immer die erste Frage: Wem gehört das Ergebnis? Das war hier nicht der Fall.

Was ist aus deiner Sicht das Besondere an JedeSchule.de? Welche Auswirkung hat das Projekt bisher auf eure Arbeit?

Mir hat mal jemand gesagt: BildungsCent ist eine von diesen Organisationen, die niemand bestellt hat. Ich finde, das ist keine schlechte Beschreibung, weil es aufzeigt, dass wir etwas Neues entwickeln. Und neue Dinge sind eben noch nicht da und deswegen kann sie auch niemand bestellen. JedeSchule.de ist auch so etwas. Erst fragen sich viele, wozu wir das brauchen. Die Bundesländer sagen z.B.: Das haben wir doch schon alles in unseren eigenen Datenbanken. Aber einige sagen auch: Endlich gibt es das! Insgesamt haben wir eine ordentliche Resonanz aus vielen unterschiedlichen Bereichen erhalten. Deswegen finde ich es auch gut, etwas zu tun, was niemand bestellt hat, weil nur so neue Diskussionen, Debatten und Bilder entstehen. Ich glaube das Projekt hat das Bild von uns als Organisation, die immer mal wieder unerwartbare Dinge tut, auf jeden Fall gestärkt.

Was sind eure wichtigsten Erkenntnisse, die ihr aus dem Projekt und der Kooperation mitnehmt?

Ich glaube, dass die Datenarbeit bei uns noch mehr Aufmerksamkeit braucht. Und wir würden gerne die Idee von Daten als öffentliche Güter weiterdenken: Was bedeutet das eigentlich? Welche Ansprüche hängen damit zusammen? Welche Potenziale bietet das für uns NGOs? Von der Zusammenarbeit her habe ich das Gefühl, dass solche Kooperationen wie unsere die “der nächsten Welt” sind: Jeder kommt aus seinem Bereich, aber man findet trotzdem ganz schnell die Punkte, an denen es zusammen geht. Alles andere ist erst einmal nicht wichtig. Die Gemeinsamkeit ist das Wichtigste. Dadurch entwickelt sich Wertschätzung und die Bereitschaft, ganz viel Potential hinein zu stecken. So etwas ist total selten. Darin liegt ein riesiger Lernprozess in der Gesellschaft, denn im Moment wird immer nur der Unterschied betont. Was fehlt sind Modelle von vertrauensvoller Zusammenarbeit in unsicheren Umfeldern ohne ein eindeutiges Zielbild.

Ihr habt mit uns einen “deep dive” in die Datenwelt gemacht. Wo seht ihr euch in Zukunft, wenn es um das Arbeiten mit Daten geht?

Ich glaube, wir haben jetzt viele Punkte, bei denen wir ansetzen können, ohne neu aufbauen zu müssen. Es geht eher darum, sie zu erweitern und neue Prioritäten zu setzen. Ich bin überzeugt davon, dass wir das auch in Zukunft tun werden. Ich glaube, das wird für uns ein sehr wichtiges Feld werden und wir sind auch total interessiert daran mit euch weiterhin zusammenzuarbeiten. Denn wir müssen noch wahnsinnig viel lernen, z.B. wie wir mit Hilfe von Daten Geschichten erzählen können. Diese ganze Frage von: Wie interpretieren wir eigentlich unsere Welt? Wie entsteht Sinn? Wir kommen da nicht um Daten herum.